Leserbrief zu "Braucht die Wirtschaft immer mehr Wachstum?"

Der Begriff "Wachstum" hätte eigentlich seit Erfindung der Dampfmaschine regelmäßig zum Unwort des Jahres gewählt werden müssen, wenn er im wirtschafts- bzw. gesellschaftspolitischen Zusammenhang gebraucht wird.

Als spätestens mit dem Verschwinden der DDR der Kommunismus an sich für gescheitert erklärt wurde, kam besonders viel Applaus von Leuten, die immer schon wussten, dass nur der freie, grenzenlose Markt unserer Gesellschaft das Heil bringt.

Das "W"-Wort spielt dabei eine entscheidende Rolle:

Städte müssen wachsen, die Wirtschaft muss wachsen, Handel und Verkehr müssen wachsen. Auf der Wachstumsseite sind die Erfolgreichen.

Die anderen bleiben zurück oder verschwinden und mit ihnen Vielfalt, Lebensqualität, Gesundheit, Klima.

Der immer bedrohlicher werdende pseudoliberale Kettenbriefkapitalismus mit sogenanntem freien Handel a` la TTIP oder Ceta maximiert die Gewinne der Anleger und überlässt die schädlichen Folgen der Allgemeinheit. So sehen Sieger aus.

Diese Art von Globalisierung bedeutet Weltkrieg gegen die Natur.

Wir holen Rohstoffe, Nahrungsmittel und ausgebildete Fachkräfte aus Afrika, Asien oder Südamerika, von den Folgen für die dortige Bevölkerung wollen wir aber lieber nichts wissen. Oder wir lassen dort unter unsäglichen Bedingungen billig produzieren und ruinieren sehenden Auges halbe Kontinente und bei uns eben auch verantwortungsvoll produzierende Betriebe.

Früher, als wir noch Platz hatten, wurde das bei uns übrigens genauso gemacht.

Die größte Giftmülldeponie Europas in der Leverkusener Dhünnaue wäre nicht entstanden, hätten nicht die dortigen Chemieexperten die irreversible Verseuchung der Umgebung durch die kostengünstige Entsorgung ihrer Abfälle wissentlich in Kauf genommen.

Nachdem man dann die Folgekosten der Stadt Leverkusen für alle Zeiten verkaufen konnte, und seitdem an der erneuten Beseitigung der eigenen Abfälle nochmals verdient, ist das Prinzip Habgier perfekt umgesetzt.

Dass es Politiker gibt, die so etwas erst möglich machen, lässt einen verzweifeln.

Und die Entfesselungskünstler um Herrn Pinkwart warten schon. Hatte es die Anleger angesichts drohender Pandemieverluste scharenweise panisch von Bord des sinkenden Börsenschiffchens getrieben, dürfen sie nun auf Autokaufprämien, großzügige Wohnbauunterstützung oder Erleichterung bei Kiesgrubenausweisungen in Naturschutzgebieten hoffen.

Unbegrenztes Wachstum gibt es in der Natur nur als Tumor.

Daran sollten auch BWL und VWL - Absolventen, ja sogar FDP- Wähler denken.

Roland Hölzer